Ich stimme Jeffrey zu. Bei Durkheim ist Individualität ein zentrales Thema. Vielleicht hier noch etwas interessantes.
In "Die Regeln" (Suhrkampausgabe, 1984) kommt Durkheim auf das Verbrechen zu sprechen, so ab S. 156.
Auf S. 157 sagt er: "Zunächst ist das Verbrechen deshalb normal, weil eine Gesellschaft, die frei davon wäre, ganz und gar unmöglich ist."
Solch eine starke Behauptung bedarf einer theoretischen Begründung. Durkheim liefert diese auf S. 159:
"Um sämtliche logisch möglichen Hypothesen zu erledigen, soll schließlich noch die Frage aufgeworfen werden, warum sich denn eine solche Einhelligkeit nicht ausnahmslos auf alle Kollektivgefühle erstrecken kann; warum nicht auch die schwächsten sozialen Gefühle Energie genug annehmen können, um jede Dissidenz zu verhindern. Das moralische Bewußtsein der Gesellschaft könnte sich allen Individuen vollständig und mit einer Lebhaftigkeit mitteilen, die ausreichend wäre, um jede Überschreitung zu verhindern, die rein moralischen Vergehungen ebenso wie die Verbrechen. Eine so allumfassende und so absolute Uniformität ist jedoch schlechtweg unmöglich; denn die unmittelbare physische Umgebung, in die jeder von uns hineingestellt ist, die erblichen Vorbedingungen, die sozialen Einflüsse, von denen wir abhängen, schwanken von Individuum zu Individuum und gestalten dadurch jedes Bewußtsein anders. Allein darum kann sich nicht jedermann gleich verhalten, weil ein jeder seinen eigenen Organismus hat und weil sich diese Organismen an verschiedenen Orten im Raum aufhalten ... Da es also keine Gesellschaft geben kann, in der die Individuen nicht mehr oder weniger vom kollektiven Typus abweichen, ist es unvermeidlich, daß sich unter diesen Abweichungen auch solche befinden, die einen verbrecherischen Charakter tragen. Denn dieser Charakter entspringt nicht ihrer inneren Bedeutung, sondern wird ihnen vom Gemeinbewußtsein zuerkannt."
Ich möchte hier nicht die Frage aufwerfen, ob diese Begründung ausreichend ist. Wichtig ist mir zu zeigen, wie Durkheim hier argumentiert.
Unsere Welt ist so beschaffen, dass Individualität zwangsläufig vorhanden ist. Als Ursachen werden mehrere Faktoren angeführt: physische Umgebung (Klima etc.), erblichen Vorbedingungen (Gene), sozialen Einflüsse. Ein Abweichen vom Gemeinbewußtsein durch einen bestimmten Anteil der Individuen ist somit zwangsläufig gegeben. Das Gemeinbewußtsein schreibt bestimmten Handlungen den Charakter des Verbrechens zu.
Dazu auf S. 158:
"Man stelle sich eine Gesellschaft von Heiligen, ein vollkommenes und musterhafes Kloster vor. Verbrechen im eigentlichen Sinne des Wortes werden hier freilich unbekannt sein; dagegen werden dem Durchschnittsmenschen verzeihlich erscheinende Vergehen dasselbe Ärgernis erregen wie sonst gewöhnliche Verbrechen in einem gewöhnlichen Gewissen. Befindet sich diese Gesellschaft im Besitze der richterlichen und Strafgewalt, so wird sie jene Handlungen als Verbrechen erklären und demgemäß behandeln."
Um das Verbrechen als soziale Tatsache auszuschalten müssten also entweder alle Individuen komplett identische Bewußtseinzustände haben. Dies ist aufgrund Durkheims Argument bezüglich der Beschaffenheit unserer Welt ausgeschlossen. Oder aber die Gesellschaft müsste nicht im Besitz der richterlichen und Strafgewalt sein. Bisher nicht dagewesen (?).
Das Verbrechen als notwendige soziale Tatsache wird also mithilfe der Individualität begründet.
Durkheim spricht davon, dass jeder soziale Typus seine eigene Rate an Verbrechen hat, welche Normal ist. Diese Werte können unterschritten oder überschritten werden. Dies deutet immer auf einen pathologischen Zustand hin.
S. 161: "weit entfernt davon, daß ein allzu auffälliges Herabsinken der Kriminalität unter ihr gewöhnliches Niveau ein begrüßenswertes Ereignis ist, kann es als sicher hingestellt werden, daß dieser vermeintliche Fortschritt zugleich mit irgendeiner sozialen Störung auftritt und mit ihr zusammenhängt. So ist es zu erklären, daß die Zahl der Gewaltverbrechen nie so niedrig ist wie zu Zeiten der Not**."
Durkheim kommentiert in einer Fußnote die Sicht der Soziologie auf das Individuum. S. 157:
"Daraus, daß das Verbrechen eine normale Erscheinung der Soziologie ist, folgt nicht, daß der Verbrecher vom biologischen und psychologischen Gesichtspunkte aus normal ist. Die zwei Fragen sind voneinander unabhängig."
Das Erbgut bzw. die Gene können bei Verbrechern durchaus anders sein. Es wäre aber einseitig, die gesamte Erklärung über die Gene zu leisten. Selbst wenn manche Handlungen durch bestimmte Gene zwanghaft gesteuert werden, stellen sich noch immer die Fragen, 1.) wie solche Gene aktiviert werden (soziale Umgebung?) und 2.) warum gerade diese Handlungen in dieser Gesellschaft als Verbrechen bezeichnet und bestraft werden.
Daher verstehe ich deine Frage nicht. Du schreibst ja:
"Bei Durkheim wird die Frage gestellt:
Warum richtet sich das Individuum eher an der Gesellschaft (den sozialen Tatbeständen) aus, obwohl es alleine anders entscheiden würde?"
Ob das Individuum sich in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit durchschnittlich eher an die Normen hält ist eine empirische Frage. Nachdem z.B. die Kriminalitätsrate festgestellt worden ist kann dann gefragt werden, ob diese Rate nun Normal ist oder nicht und wenn ja warum.
Ich kann in Durkheims Schriften diese von dir aufgeworfene Frage nicht finden. Ich glaube auch nicht, dass Durkheims Bild vom Individuum dem der Frage entspricht.