@Gargamel
Mal abgesehen von vielen anderen Einwänden zeugt dein Vorschlag von Unkenntnis des Grundgesetzes und daraus resultierenden rechtlichen Konsequenzen: Eltern, die Sozialleistungen beziehen, für gute Schulleistungen ihrer Kinder finanziell zu belohnen, widerspricht dem Gleichgrundsatz des Grundgesetzes. Es stellt eine Ungleichbehandlung gegenüber Geringverdienern, Normalverdienern und Gutverdienern etc. dar, wenn diese bei ebenfalls guten schulischen Leistungen ihrer Kinder keine Boni erhalten. Zwar wird in der derzeitigen Sozialgesetzgebung immer wieder versucht diesen Gleichheitsgrundsatz auszuhebeln, wie zum Beispiel bei der seit 1.1.2011 geltenden Anrechnung des Elterngeldes auf Hartz IV, aber auch diese Regelung wird über kurz oder lang vor dem Verfassungsgericht landen.
Darüber hinaus zeugt dein Vorschlag von Unkenntnis des Schulalltages. Um nur einen Aspekt herauszugreifen: Die Leistungsbewertung und Notengebung ist - dies belegen zahlreiche Studien - nicht objektiv, in die Bewertung fliessen zahlreiche andere Faktoren (Sympathie, soziale Stellung der Eltern, Staatsangehörigkeit, Vorlieben der Lehrer für bestimmte Interessen u.ä.) mit ein. Lehrer sind auch nur Menschen... Wie sollen sie damit umgehen, dass die Noten bestimmter Schüler finanziell entlohnt werden?? Dies stellt nicht nur einen erheblichen Machtzuwachs dar, sondern auch eine Verantwortung, die sicher nicht leicht zu tragen ist. Ob sich das Verhältnis Eltern-Lehrer dadurch verbessert, ist mehr als fraglich.
Ich stehe dem Rational-Choice Ansatz schon lange sehr kritisch gegenüber und deine Ideen und Formulierungen sind ein gutes Beispiel warum. Die Idee, dass allein finanzielle Anreize den Menschen bewegen sich anzustrengen und auf Vergnügungen zu verzichten, ist weder empirisch zu belegen noch stimmt sie mit anderen psychologischen und soziologischen Befunden überein. Auch müsste man deine Anreiz-Hypothese ja auch umdrehen können: Überall wo hohe finanzielle Vergütungen bezahlt werden, sind die Menschen zu besonderen Leistungen fähig und willens. Die Finanzkrise belegt, dass dies nicht so ist oder stellt den Leistungsbegriff zutiefst in Frage, je nachdem wie man dies sehen will. Ein Menschenbild, das darauf beruht, dass Menschen nur bei finanziellen Ausgleichszahlungen bereit sind, sich anzustrengen, stellt für mich eine Sinnentleerung und Verarmung dar, auf die eine gewisse Verhärtung des Denkens folgt. Wo bleiben soziale Anerkennung, Gefühle wie Glück, Liebe, Freude, Kunst, Kultur, Ästhetik und Zwischenmenschlichkeit dabei?
Eine solche Verhärtung des Denkens lässt sich an deinen Formulierung ablesen:
"Um nicht falsch verstanden zu werden: es steht natürlich außer Frage, dass man auch an anderen Stellschrauben drehen kann / sollte (late tracking!). Doch stelle ich mir einen Eingriff ins Familienleben sehr effektiv vor um die Transmission elterlicher Bildungspräferenzen auf die Kinder zu unterbinden, denn diese bleiben letztendlich die wichtigsten Bezugspersonen. So stelle ich es mir zumindest vor."
Stellschrauben, Eingriff ins Familienleben, Transmission. Du schreibst von einer Familie wie von einer Maschine. Doch handelt es sich bei Familienmitgliedern nicht um Zahnräder, Schrauben und Metallverbindungen, die man einstellen kann, sondern um lebendige Menschen, die mit allen ihren Bedürfnissen, Gefühlen, Fähigkeiten und Schwächen auf vielfältige Weise miteinander verbunden sind, nicht nur untereinander sondern auch mit der sozialen Umwelt. Diese Komplexität der zwischenmenschlichen Beziehungen auf das Funktionieren einer technischen Maschine zu reduzieren stellt keinen Erkenntniszuwachs dar.