Hallo an alle,
gibt es soziologische Autoren / Theorien, die soetwas wie einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit (oder Alleingültigkeit?) hegen...
Es geht wie gesagt um den Anspruch, nicht um die Realität ;-)
Danke Ll
Hallo an alle,
gibt es soziologische Autoren / Theorien, die soetwas wie einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit (oder Alleingültigkeit?) hegen...
Es geht wie gesagt um den Anspruch, nicht um die Realität ;-)
Danke Ll
hmmm... komische frage wenn man bedenkt, dass es eine "allgemeine soziologie" gibt, luhmann mit "allgemeine theorie sozialer systeme titelt und auch parsons ein buch namens "towards a general theory [...]" geschrieben hat.
es lässt sich zwar fragen, was mit "allgemeingültigkeit" gemeint ist, doch ist wohl kaum übersehbar [...] , dass die theortische soziologie sich dieser sprichwörtlich verschrieben hat. es geht ja nicht um das "spezielle", "besondere" [...].
??
Nein, es geht darum, dass das erste, was ein Studienanfänger der Soziologie zu hören bekommt ist, dass es eine Vielzahl an Theorien gibt und man müsse akzeptieren, dass sie nicht konform sein müssen, aber dennoch nebeneinander berechtigt existieren...
Und dann gibt es eben Autoren/Theorien, die diese Pluralität akzeptieren oder zumindest tolerieren, aber es gibt auch jene, dich sich (mehr oder weniger implizit) als die "einzig wahre" postulieren... und nach den Autoren oder Theorien insgesamt fragte ich... wenn ich selber auf die Namen kommen würde, die mir folglich entschwunden sind, müsste ich nicht nachfragen ;-)
Aber danke für deinen Einwurf!
OK... dann sag das doch :?
und...? konstruktive Vorschläge ;-)
Mh, ich verstehe die Frage nicht so ganz... Aber Luhmann schreibt in seiner Einführung bspw., dass die neuere Theorie sozialer Systeme Allgemeingültigkeit besitzt, sprich auf alle Phänomene anwendbar ist. Das meinst Du ja aber scheinbar nicht (?). Die "Klassiker" müssten doch hier Exklusivität aufweisen, oder? Bevor sie kritisiert oder teilweise widerlegt und weiterentwickelt wurden, erhoben sie doch wohl Anspruch auf universelle Gültigkeit bzw. tun dies noch? Verstehe leider wirklich nicht so ganz, was Du meinst. Es gibt z.B. zahlreiche literarische Abhandlungen (unabhängig ob von bekannteren oder unbekannteren Autoren), die stillschweigend Behauptungen aufstellen, die sie als wahr konstatieren und die nicht in Bezug auf andere theoretische Zugänge reflektiert werden. Aus der Organisationsforschung etwa Christiane Prange (2002) zum organisationalen Lernen...
Vielleicht beschreibst Du Dein Anliegen detaillierter, oder gibst ein Beispiel.
LG
also was mir da vor allem in den sinn kommt ist der grundgedanke der "modernisierung" im sinne eines gesellschaftlichen "fortschrittes". und auch in der emp. SF findet sich so einiges, was eher nomothetisch daher kommt. es gibt sicherlich n haufen leute die denken sie hätten den stein der weisen allein aufgegessen. aber das sagt keiner so. es gibt allerdings ziemlich viele in "empirisch fundierte wahhrheiten" transormierte wissenslcken und unklarheiten (zb Nave-herz: kindorienterte Eheschließung) und menschen, die derartige mogelpackungen und ihre labels offensiv vertreten und verteidigen (wie zB auch so ziemlich alles, was sich zwischen klassen, schichten und lebensstilen tummelt).
@Lilo
Also erst mal ist es eine sehr gute Frage, die du als Studienbeginnerin stellst. Du hast eine wichtige Beobachtung gemacht und willst ihr etwas näher auf den Grund gehen, anstatt gleich in die Flinte ins Korn zu werfen. Dies ist nämlich auch eine häufige Reaktion bei Studienbeginn: „So viele verschiedene Theorien? Wie soll man da durchblicken? Das ist mir alles viel zu kompliziert. Kann mit denn keiner sagen, wer Recht hat?“
Zur ungefähren Beantwortung deiner Frage: Natürlich gibt es Soziologen, die eine Theorie entworfen haben und diese als alleingültig betrachten und nicht nur dass, sie beanspruchen auch mit dieser Theorie die Wirklichkeit (Wahrheit) in allen Facetten erfasst zu haben und erklären sie für universell anwendbar. Aus dieser Haltung ergibt sich auch die Ablehnung alle anderen Theoriemodelle, die, insofern sie nicht an die eigene Theorie anknüpfen, zwangsläufig „falsch“ sein müssen.
Zu dieser Gruppe würde ich Luhmann mit seiner Systemtheorie zählen, sowie überhaupt alle systemtheoretischen Ansätze einen relativ hohen Absolutheitsanspruch erheben, da man in einem weiten Sinne sozusagen alles als System auffassen und beschreiben kann. Dann gibt es auch Soziologen, die bereits die Grundannahmen der Systemtheorie ablehnen, und daher den Erklärungswert genauso absolut bestreiten.
Auch Hartmut Esser mit seinem Rational Choice Ansatz würde ich zu dieser Gruppe zählen. Er entwickelt zwar seinen Ansatz weiter, doch gerade in dieser Anpassung an berechtigte Kritik sehe ich eher einen Ausdruck seiner „Und ich habe doch Recht Haltung“ als die Bereitschaft seinen Ansatz zu relativieren und den Anwendungsbereich einzuschränken.
Auch die klassischen Modernisierungstheorien (Weber, Durkheim, Parsons) würde ich hier in einem weiten Sinn dazu zählen, insofern sie alle gesellschaftlichen Prozesse als „Modernisierung“ verstanden haben wollen und diese den immer gleichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen sein sollen.
In der Tendenz würde ich sagen, dass alle Großtheorien (Marxismus, Modernisierungstheorien, Zivilisierungstheorien, Systemtheorie) von einem Alleingültigkeitsanspruch und der universellen Anwendbarkeit der Theorie ausgehen. (Ohne diese Überzeugung wäre wahrscheinlich auch die immense kreative Leistung, die sich hinter jedem Ansatz verbirgt, nicht zu leisten.) Solche Großtheorien sind aber zunehmend aus der Mode gekommen, da sie in ihrem Universalitätsanspruch zunehmend fundierte Kritik erfuhren. In der Folge erlebten die Bindestrich-Soziologien einen Aufschwung, die von vornherein erklärten, nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit wiedergeben zu können.
Hier muss man dann verschiedene Ebene auseinanderhalten. Wenn ich z.B. eine Theorie in der Familien-Soziologie entworfen habe, fällt es mir natürlich leicht, einen sagen wir mal einen Ansatz in der Sport-Soziologie als gleichwertig anzuerkennen. Viel schwieriger wird es, wenn ich eine psychoanalytisch orientierte Familiensoziologie vertrete und mir jemand mit einem systemischen Familien-Ansatz „in die Quere kommt“. Nach meiner Erfahrung hilft hier auch die grundsätzliche Haltung einer Befürwortung von Pluralität und Relativität allen Wissens (Konstruktivismus) nicht weiter, letztlich ist auch die Wissensschaft ein Konkurrenzbetrieb. Ganz abgesehen von dem emotionalen Problem, das sich ergibt, wenn ich einräumen soll, dass neben meinen „Wahrheiten“ andere Wahrheiten gleichberechtigt existieren. Zu erkennen, dass meine Theorie immer nur eine Facette der Wirklichkeit erfasst und dass diese Facette in einem anderen Licht auch noch eine andere Farbe erhält, ist nicht nur eine intellektuelle Leistung, sondern auch eine emotionale Herausforderung.
Ich will hier mal aufhören, obwohl es natürlich noch eine Menge zu sagen gäbe.
Geht meine Antwort in die Richtung deiner Frage?
Nur zum Schluss noch: Wenn dich diese Fragen weitergehend interessieren, dann bist du bei der Wissenssoziologie gut aufgehoben, hier wird den Fragen nach den Entstehungsbedingungen verschiedener Theorien nachgegangen, für die Karl Mannheim den Begriff der „Seinsverbundenheit des Wissens“ geprägt hat.
Wohl immer noch ein Geheimtipp zum Thema: Ludwik Fleck: Entstehung und Entwicklung eines wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv.
Ich würde auch die Systemtheorie empfehlen (ich studiere in Bielefeld), aber ich finde den Beitrag von jeffrey zu diesem Thema sehr sinnvoll: man kann sich ja fragen, warum eine allgemeine Sozialtheorie überhaupt "gebraucht" wird, bzw. warum man sowas möchte...
die Richtung "Wissensoziologie" würde ich auch in diesem Kontext empfehlen, wobei ich auch hier Luhmann "Gesellschaftsstruktur und Semantik" bevorzuge :)
Zu beginn meines Studiums habe ich mich auch oft gefragt, was soll ich denn jetzt für wahr halten, welche Theorie ist die bessere? wie soll ich mich orientieren, aber nach ein paar Semestern und der Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien hat diese Frage eine andere Qualität bekommen, nämlich, dass es garnicht so wichtig ist, welche denn wirklich wahr ist, sondern eher so, dass mir die Erklärungsreichweite einer Theorie wichtiger ist (trotzdem bin ich grundsätzlich Systemtheoretiker :) )
Ich kann MrP nur zustimmen (btw: ich studiere auch in BI Soziologie :-)).
Ich möchte nur noch einwerfen, dass es gilt zu überlegen, ob Fragestellungen (konkret die o.g. Fragen) überhaupt richtig selektieren?
"Hallo an alle,
gibt es soziologische Autoren / Theorien, die soetwas wie einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit (oder Alleingültigkeit?) hegen...
Es geht wie gesagt um den Anspruch, nicht um die Realität ;-) "
Antwort: Ja die gibt es
Beste Grüße Mike
gut, ich mein letztlich haben wir es hier mit einer paradigmen-frage zu tun, wie jeffrey in seinem beitrag hier sehr schön beschreibt. denn in der tat behauptet beispielsweise die systemtheorie, especially luhmann, eine allgemeingültigkeit. doch im endeffekt würde auch wieder beispielsweise jeder praxistheoretiker diesen ansatz verlachen - angefangen von luhmanns verständnis empirischer arbeit, die ausschliesslich am schreibtisch stattfindet und damit aufhörend physische systeme ausserhalb des sozialen zu denken.
aber naja, gerade das ist ja auch das spannende und interessante an soziologischer theorie und der gesellschaftswissenschaft insgesamt, geschuldet eines im prinzip niemals in seiner gänze fassbaren erkenntnisgegenstands, sprich dem verhältnis von individuum und gesellschaft.
im übrigen, um noch einen ergänzenden gedanken hinzuzufügen, wäre es nicht auch ein kriterium oder vielmehr ein ziel eines universellen anspruchs,die theorie-empirie kluft zu überwinden? ich will gar nicht mit operationalisierung usw. anfangen - wie mir letztens ein doktorand entgegnete "soziologie geht ja eigentlich nie" auf die frage hin, wie sein methodischer ansatz aussähe.
Hallo an alle:
danke für die ausführlichen Beiträge! Luhmann scheint sich wirklich aufzudrängen, obwohl der mir schon in den Vorlesungen unsympathisch war.... Irgendwie habe ich keinen Draht zu dem bekommen ... wie das halt manchmal so ist ;-)
Jeffreys Einwurf mit Esser finde ich wiederum sehr spannend. So wie ich deine Interpretation verstanden habe, entwickelt Esser seinen Ansatz stetig fort und bezieht diverse Kritiken mit ein. Aus diesem Fortlauf folgerst du, dass er nicht nur die Güte seines Ansatzes wahren (erreichen) will, sondern vielmehr auch dieses gewisse "Ego-Potential" der Übertheorie vertritt?
@dieter könntest du bitte nochmal deine in "empirisch fundierte Wahhrheiten" transormierten Wissenslücken erläutern?
Danke nochmal für alle Anregungen!
Ll
Es gibt auch zu Luhmann noch Theorien mit soziologisch universalem Anspruch: Jürgen Habermas, Karl Marx oder Talcott Parsons, aber auch Hegel sollte man nicht vergessen. Aber - stimmt - auch Hartmut Esser ist dran. Nur wurde der universale Anspruch bei den genannten Autoren (im Ggs. zu Luhmann) nicht unmittelbar zu Beginn bzw. teils eher gar nicht formuliert. Deswegen mögen die evtl. nicht so bekannt sein im Kontext des Universalanspruchs. Der hat sich mit der Zeit wie z.B. bei Habermas erst mit seiner Theorieproduktion entwickelt (meiner Meinung nach).
zum thema an sich ist die frage zu stellen, ob die autoren tatsächlich denken, sie hätten die wahrheit mit löffeln gefressen - oder ob sie einfach nur überzeugen wollen. plausibilismus zersetzt kurzum die eigenen gedanklichen konstrukte und verringert wohlmöglich auch ihre zerfallszeit und ihren geltungsbereich. im prinzip schreiben die pro(f)s immer "so ist es". die komplexitätr der materie wird teils einfach ausgeblendet und das eigene konstrukt vertreten. würden sie dies nicht tun, so könnten sie wohlmöglich kaum überzeugen. die gilt für lehrbücher ebenso wie für theorien verschiender reichweiten.
zu den in "empirisch funderte wahrheiten" trasformierten wissenslücken:
interessant dürften für dich in diesem kontext vor allem empirische befunde sein, die im rahmen von theorien (zB individualisierung) oder auch anderen weitläufigen argumentationen angeführt werden.
bleiben wir zB bei der "individualisierung". klassen und schichten lösen sich nach beck ja im zeitverlauf auf, bei konstanten relationen sozialer ungleichheit. will heißen: das verhältnis von "sein" und "bewusstsein" hat sich verändert, schichtungsbegriffe werden so zur "leerformel", zur klassifikation.
stellt man sich nun die frage "ist das empirisch tatsächlich so?" wird man schnell feststellen, dass die befunde keineswegs eindeutig sind. auch gibt es probleme bei der operationslaisierung und messung. diese verallgemeinerung beruht also auf einer sträflichen vernachlässigung von unklarheiten und wissenslücken. genau genommen ist das alles ziemlich unklar. und ich möchte meinen: es wird auch immer unkkar bleiben. nur die praxis der verallgemeinerung passt sich letztlich dem zeitgeist an. sozial-historische forschungen zeigen, dass es K+S in der in den SOWIs gedachten form wohlmöglich nie gegeben hat. und die heitige sachlage ist eben eine frage der messung, der operationalisierung und vor allem auch: des "wie" der verallgemeinerung.
meine these: dies liegt vor allem daran, dass möglichst "allgemeingültige" verallgemeinerungen angestrebt werden - warum auch immer. vielleicht sind "ruhm und ehre" hier maßgeblich. vielleicht ist es vielen aber auch schlichtweg nicht möglich, mit ambivalenzen und unklarheiten zurechtzukommen. in jedem fall aber nehmen viele - eben um zu solchen verallgemeinerungen zu kommen (wie zB "die ehe wird heute kindorientiert geschlossen!") erhebliche kompromisse hinsichtlich der stimmigkeit dieser mit der heterogenen datenlage etc. in kauf. nichr selten steht dabei wohlmöglich die fundierung "größerer" konstrukte dahinter (zB bei beck aber auch bei nave-herz). klar ist allerdings, dass die art und weise mit dieser sachlage und anknüpfenden fragen umzugehen oftmals hinweise darauf gibt, dass sich die autoren der unstimmigkeiten ihrer interpretation durchaus bewusst sind (so zB beck). ich persönlich schließe daraus, dass es weniger um "allgemeingültigkeit" bzw. "die wahrheit" geht. es stecken vielmehr "vested interests" dahinter, zB politische ziele. oder auch der wettstreit um fördermittel. irren ist also durchaus menschlich - und unklarheiten zuzugeben heißt nix anderes, als sich den aasgeiern auszuliefern ...
anm.: im prinzip kannst du nehmen was und wen du willst, vor allem aber dicke bücher. erst werden die begriffe gefeilt (seitenlang) und ebenso nevenaufreibende wie selektive theoretische debatten geführt. dann geht es um operationslisierungen und und und. alles ist ungemein komplex und sachlich.... bis dann am ende irgendwo mal wieder steht: so ist es! insbesondere die resumées sind regelmäßig derart abgehoben, dass das label "in empirische wahrheiten transformierte wissenslücken und unklarheiten" vollkommen gerechtfertig erscheint (so meine these). und siehe da... die ergebnisse werden andernorts zitiert ... und stützen weitläufige thesen, die somit als in unwahrheiten gekleidete konstrukte erscheinen.
der studi kriegt maW den positivismus eingeprügelt bis er zur religion wird und die uni zum tempel. und die priester ... die machen es halt wie gesagt. mE alles "hexerei". blasphemie. man sollte sich vom schein nicht trügen lassen und auch mal hinter die kulissen gucken.... da vergeht einem schnell die lust. und vielleicht wird einem ein wenig klarer "warum es ist, wie´s ist".
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