Hi Chris,
ich spar mir mal viel gequatsche und antworte auf deine Frage kurz knapp einfach mal so, wie ich sie verstanden habe:
Als "Theorie-entdeckend" könnte man die qualitative Sozialforschung dann bezeichnen, wenn man erstens relativ "Theorie-frei" sowohl an die Datensammlung als auch an die Datenauswertung herangeht und zweitens sich aus dieser "un-dogmatischen" Herangehensweise dann eine theorie "ergibt". Die frühen Entwürfe z.B. der "Grounded Theory" (A. Strauss / B. Glaser) zeichnen einen Forschungsverlauf, in dem der Wissenschaftler zuerst frei von (soz.-theoretischem) Dogmen mit qualitativen Methoden empirisch arbeitet und sich im Laufe der Analyse dieser Daten eine Theorie "entdecken" lässt, dem Forscher geradezu aufdrängt. Jüngere Veröffentlichungen nehmen von solchen mutig-naiven Forderungen an den Forscher Abstand und relativieren sie: Bereits das "Interessement" für ein Forschungsgebiet, also der Forschungsfokus, ist beeinflusst durch das Wissen des Forschers selbst. Weiter wird er "im Feld" am ehesten das fokussieren, was sich in die bereits bestehenden/internalisierten analytischen Kategorien des Forschers drücken lässt. etc. etc.
Falls das oben geschrieben als Antwort auf deine Frage gelten kann, du dich in das Thema aber wirklich einarbeiten willst: "Grounded Theory" (Strauss /Corbin 2006). Einfach geschrieben, leicht zu verstehen. Und beim Lesen immer im Hinterkopf behalten: auch oder gerade hier (quali. und Grounded Theory) niemals dogmatisch werden.
edit:
Die Bezeichnung der qualitativen Sozialforschung als "theorie-entdeckender" Forschungsansatz ist sicher einfacher zu verstehen, betrachtet man die Sozialwissenschaftliche Historie. Die Soziologie bestand, mehr oder weniger seit ihrer "Gründung" und noch bis in die 1980er Jahre hinein, zum Großteil (nicht auschließlich!) aus der Bildung von Theorien mittlerer und/oder großer Reichweite und deren "Tests" in großangelegten quantitativen Studien. Sicher gab es immer auch "Gegenprogramme", und auch in der (vorwiegend) qualitativen Forschung haben sich in dieser Zeit "Klassiker" etabliert (Goffman, Garfinkel, Elias, Glaser / Strauss uvm.). Im Vergleich dazu ist ist Forschungsarbeit mit qualitativen Methoden eben in dem Sinne "theorie-entdeckend", in welchem der Forscher nicht mit forgefertigter Theorie, die es nichtmehr zu entwickeln sondern nur noch zu falsifizieren(/validieren) gilt, sondern sich die Theorie in didaktischer Manier im Forschungsprozess selbst "ergibt".