Hallo,
ich suche dringend Material über Nobert Elias zum Thema Organisation/Integration und Gesellschaft für eine Hausarbeit. Hoffe jemand kann mir da helfen oder mir etwas über die Grundhaltung von Norbert Elias erzählen. Hab mich mit ihm bis jetzt noch nicht beschäftigt.
Freu mich auch über Anregungen für einen roten Faden für die Hausarbeit.
Liebe Grüße
Hannah
Norbert Elias
(14 posts) (2 voices)-
Posted 1 year ago #
-
Ich kenne mich mit Elias ganz gut aus und würde auch etwas beisteuern. Du müsstest aber mal etwas genauer beschreiben, um was es dir geht. Organisation und Integration sind keine zentralen Begriffe bei Elias, aber wenn man genauer wüsste, worauf du hinaus willst, kann man sicherlich seine Begriffe auf die Inhalte übertragen.
Die Grundhaltung von Norbert Elias? Meinst du dies in Bezug auf Organisation/Integration? Oder ganz allgemein?
Eine seiner zentralen Fragestellungen, war die nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. (Die Gesellschaft der Individuen.) Hierbei hat er insbesondere auf die Verflechtungszusammenhänge, d.h. auf die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen untereinander verwiesen, seine Soziologie wird deswegen auch Figurationssoziologie genannt.
Methodisch hat er prozessorientiert gearbeitet, d.h. Gesellschaften immer als etwas über einen langen Zeitraum Gewordenes betrachtet, nicht als ein statisches Gebilde. Im "Prozess der Zivilisation" findet sich die veranschaulicht. Außerdem entwickelte er die Methode der Mehrebenenanalyse: Die Beschreibung von Gesellschaften sollte stets die verschiedenen Ebenen der menschlichen Beziehungen umfassen: die Beziehung zu sich selbst, zu der äußeren Natur, inner - und zwischen staatliche Beziehungen sowie die Beziehungen zu Symbolen. Diese Ebenen zueinander in Beziehung zu setzen ist Inhalt der Syntheseleistung, die Elias von der Soziologie fordert.
Außerdem ist Elias gesamtes Werk von einer Machttheorie durchdrungen, in der er verschiedene Machtquellen unterscheidet und Macht als eine Struktureigentümlichkeit einer jeden menschlichen Beziehung beschreibt. Machtquellen sind: physische Gewalt, das Beschaffen der Existenzmittel, Verfügungsmöglichkeiten über bestimmte Positionen, die affektiven Valenzen menschlicher Bindungen und das Wissen. Im Sinne seines synthesebildenen Ansatzes sollten auch diese Machtquellen stets in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zueinander untersucht werden.Posted 1 year ago # -
Hey, danke dir.
Ich hab von meinem Professor den Auftrag bekommen mich sehr auf die Interaktion in den Verpflechtungszusammenhängen zu beziehen. Leider fehlt mich dazu einfach das Grundwissen, vielleicht könntest du mir dazu etwas erzählen. Das wäre super.
Naja und dann hab ich mir die Frage gestellt wie man unsere Probleme der Ebenendifferenzierung auf Elias beziehen könnte.Posted 1 year ago # -
Hallo hanney,
leider sind deine Fragen wieder nicht sehr präzise, aber ich will es trotzdem versuchen.
"Interaktion" ist ein Begriff, der so bei Elias nicht vorkommt, er spricht eher von Beziehungen oder Bindungen. Wenn man nun den Begriff, auf Elias übertragen will, steht für ihn im Vordergrund, dass es immer abhängige Menschen sind, die miteinander interagieren. Was heißt das konkret? In seiner Zivilisationstheorie beschreibt Elias wie die zunehmenden Abhängigkeiten der Menschen untereinander dazu führen, dass sie lernen ihre Affekte immer stärker zu zügeln. D.h. sie erlernen eine Langsicht und verinnerlichen, dass z.B. ein Raub oder Totschlag zwar kurzfristig zum Ziel führen kann, langfristig jedoch mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Zur langfristigen Strategie gehört ebenfalls ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen zu entwickeln, denn nur wenn ich weiß, was mein Konkurrent oder Gegner vorhat, kann ich meine Pläne darauf abstimmen.
Die Abhängigkeit besteht also darin, dass das Ausleben von ungehemmten Affekten zu Sanktionen führt und dass der Mensch für seine Handlungen langfristig immer auch die Pläne anderer berücksichtigen muss.
Soviel zur Handlungsebene.Abhängigkeit bedeutet jedoch für Elias noch viel mehr. In "Die Gesellschaft der Individuen " beschreibt Elias wie, sich das Wir-Bewusstsein der Menschen immer stärker zu einem Ich-Bewusstein entwickelt hat. (Andere Soziologen beschreiben dies mit dem Begriff Individualisierung). D.h. in früheren Sozialverbänden oder Gesellschaften war der Wert Gruppe höher angesiedelt, als der Wert des Individuums. Im Zuge der Aufklärung, der zunehmenden Arbeitsteilung und Rationalisierung aller Lebensbereiche setzte sich immer stärker das Menschenbild eines freien, unabhängigen und rationalen Individuums durch. Sein Wert gegenüber der Gruppe stieg. Diesem Menschenbild widerspricht Elias, indem er darauf verweist, dass das Selbstbild in hohem Maße von der Gruppe, der man angehört, abhängig ist. Er bestreitet, dass es ein unabhängiges, völlig losgelöstes Individuum gibt. Hierzu hat den "berühmten" Satz geprägt: "Es ist eine der elementarsten Eigentümlichkeiten des Menschen, dass er nicht nur ein Bild von sich als einer individuellen Person hat, die "Ich" sagen kann, sondern auch ein Bild von sich als Mitglied von Menschengruppen, zu denen er "Wir" sagen kann." (Studien über die Deutschen, S. 460)
D.h. die Menschen sind nicht nur in ihren Handlungen von anderen Menschen abhängig, sondern auch in ihrem Selbstbild. Dabei werden die Wir-Bilder einer Gruppe nicht allein von dieser selbst bestimmt, sondern sind wiederum abhängig von den Fremdbildern anderer Gruppen. Die Frage "Wie sehen mich die anderen?" erhält bei Elias nicht nur auf der individuellen Ebene eine fundamentale Bedeutung, sondern auch auf der Ebene zwischen Gruppen, bis hin zu zwischenstaatlichen Beziehungen.
Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass Elias die Beziehungen innerhalb und zwischen Gruppen immer auch als "affektive Bindungen" beschreibt. D.h. die Beziehungen sind immer auch emotional besetzt. In "Studien über die Deutschen" beschreibt er die hoch emotionale Aufladung der deutschen Wir-Gefühle im Nationalsozialismus als Voraussetzung der verbrecherischen Politik des Nazi-Regimes. Aber auch abgesehen von solchen Extremen, bestimmen nach Elias, Loyalität, Stolz und Wir-Gefühle das Handeln von Menschen in Gruppen.
"Interaktion in Verflechtungszusammenhängen": Verflechtungszusammenhänge bestehen zwischen einzelnen Menschen innerhalb einer Gruppe, aber auch zwischen verschiedenen Gruppen. Die Interaktionen zwischen beiden werden nach Elias immer auch von den Machtstrukturen bestimmt, wie gesagt, Macht ist eine Struktureigentümlichkeit einer jeden menschlichen Beziehung und natürlich auch der Beziehungen zwischen Gruppen und Staaten. Will man Verflechtungszusammenhänge untersuchen, lautet nach Elias die Leitfrage, wer hat mehr Macht als der andere? Welche Machtquellen (s.o.) liegen vor? Wie haben sich die Machtchancen verändert? Elias geht nie von statischen Zuständen aus, sondern hat immer den Prozess im Blick, deswegen spricht er von Veränderungen der Machtbalancen, nie davon, dass eine Gruppe "absolute" Macht hat, die andere nur Opfer ist. Es gibt immer eine Wechselwirkung, ein Auf und Ab, und Verschiebungen innerhalb der Machtverteilung.
Ich will damit mal schliessen, damit du Verständnisfragen stellen kannst.
Deine 2. Frage: "wie man unsere Probleme der Ebenendifferenzierung auf Elias beziehen könnte." verstehe ich gar nicht. Was ist das Problem und wer ist "unser"??
Da du deine Hausarbeit ja nicht ohne Quellen schreiben kannst, empfehle ich dir dringend, das ein oder andere Buch von Elias anzuschaffen. Für die Verflechtungszusammenhänge: "Die Gesellschaft der Individuen" (ist auch gar nicht soviel, denn die drei Aufsätze des Buches stellen eine chronologische Fortentwicklung von Elias' Theoremen zur Individualisierung dar, es reicht im Grunde genommen, wenn man den letzten gelesen hat.) In "Was ist Soziologie?" findest du Elias' Soziologie auf kürzeste zusammengefasst.
Als Sekundärliteratur zu Elias kann ich sehr empfehlen "Soziologie als Synthese" von Peter R. Gleichmann. Gleichmann war Elias-Schüler und hat Elias noch persönlich gekannt. Leider ist das Buch sehr teuer, aber vielleicht kannst du für die Bibliothek einen Anschaffungsvorschlag machen. Auf jeden Fall finden sich hierin ein paar sehr gute Aufsätze zu und über Elias.Posted 1 year ago # -
Hallo Jeffrey,
du hast mir schon sehr geholfen, danke dafür. Ich hätte noch eine grundlegende Frage, und zwar: Was genau versteht Elias unter der Figurationssoziologie? Bzw was ist Figurationssoziologie für ihn?Posted 1 year ago # -
Hallo hanney,
Figuration ist bei Elias eigentlich nur ein anderes Wort für Verflechtungszusammenhänge. Er widerspricht damit der Vorstellung, das Indivduen und Gesellschaft getrennt voneinander existieren: "An die Stelle dieser herkömmlichen Vorstellung tritt, (...) das Bild vieler einzelner Menschen, die Kraft ihrer elementaren Ausgerichtetheit, ihrer Angewiesenheit aufeinander und ihrer Abhängigkeit voneinander auf die verschiedenste Weise aneinander gebunden sind und demgemäß miteinander Interdependenzgeflechte oder Figurationen mit mehr oder weniger labilen Machtbalancen verschiedenster Art bilden, z. B. Familien, Schulen, Städte, Sozialschichten oder Staaten." (Was ist Soziologie, S. 12)
Genaueres über den Begriff der Figuration kann man in "Was ist Soziologie?" (S. 139 f.) nachlesen.Unter Figurationssoziologie verstand Elias dementsprechend eine Soziologie, die von abhängigen und vielfach miteinander verflochtenen Individuen ausgeht und die die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zur Grundlage hat.
Allerdings ist es hierzu wichtig zu wissen, dass Elias den Begriff der Figurationssoziologie eher abgelehnt hat. Er hat ihn zwar in "Was ist Soziologie?" mehr oder weniger selbst in Leben gerufen, hat sich aber später kritisch dazu geäußert und wollte nicht, dass sein Ansatz unter diesem Namen geführt wird. Die Begründung hierfür ist, dass Soziologie immer von Verflechtungszusammenhänge auszugehen habe, da die gegenseitigen Abhängigkeiten zu den elementaren Existenzebdingungen des Menschen gehören und nicht mal da sind und mal nicht. Von dieser sozialen Tatsache kann man innerhalb der Soziologie (oder der Menschenwissenschaft, wie Elias sie gerne nannte) nicht absehen. So gesehen ist also jede Soziologie "Figurationssoziologie" und die Bezeichnung daher überflüssig bis irreführend, da so getan wird, als könne es auch eine andere Soziologie geben.Posted 1 year ago # -
1. Aber er geht doch so viel auf das Thema mit dem "doppeltseitigen Prozeß" der Genese des Menschen ein und sagt die Figuration würde aus Sozialisierung und Invididualisierung bestehen. Und diese Individualisierung steht doch sehr im Mittelpunkt bei Ihm oder seh ich das falsch?
2. Ich wollte gerne das Thema "Sozialisierung durch Interaktion" bearbeiten und finde leider wenig dazu. Würde dir dazu was einfallen? Also das die Menschen durch ihre gegenseitige Abhängigkeit, ihre Interaktion und Konservation garnicht zu einer Sozialisation gekommen wären.
Posted 1 year ago # -
zu 1.: Ja, das siehst du falsch. Nicht die Individualisierung steht im Mittelpunkt, sondern das Verhältnis von Individuen und Gesellschaft. Da Elias die Individuen immer als abhängig voneinander gedacht hat, geht es ihm immer um die wechselseitigen Beziehungen. Figurationen bestehen auch nicht "aus Sozialisierung und Individualisierung", sondern aus Menschen und Gruppen. Sozialisierung und Individualisierung sind im Übrigen für Elias dasselbe.
zu 2.: Wie bereits oben ausgeführt, kommt der Begriff der Interaktion bei Elias nicht vor, er schrieb von Beziehungen, Bindungen, affektiven Valenzen. Den Gedanken, dass Menschen durch ihre Abhängigkeit und Interaktion nicht zu einer Sozialisierung gekommen wären, verstehe ich nicht. Und warum "gekommen wären"? Beziehst du dich damit auf die Vergangenheit? Was genau verstehst du unter "Sozialisierung durch Interaktion"?
Was hast du von Elias gelesen? Wie kommst du auf obige Annahmen?
Posted 1 year ago # -
1. "Sozialer Wandel und Macht" von Carsten Kaven (2006) wird der Begriff der Figuration beschrieben und dort stand eben auch das die Genese der Menschen ein doppelseitiger Prozess aus Sozialisierung und Individualisierung sei. Daher bin ich davon ausgegangen das diese Unterschiedliche sachen sind. Inividualisierung (alleine) und Sozialisierung im zusammenhang mit anderen Menschen.
Ich wollte halt nun in meiner Arbeit darauf eingehen: „Wie führt die Verflechtung der Menschen untereinander zur Zivilisierung der Interaktion sowie zu zivilisierterem Verhalten?“
Jetzt bringst du mich natürlich sehr aus dem Konzept, da mein Prof nun meine 2 Punkte in meiner Hausarbeit "individualisierung" und "sozialisierung durch interaktion" abgesegnet hat.Posted 1 year ago # -
Das Buch von Carsten Kaven habe ich mir gerade bei amazon.de angesehen, da ich es nicht kenne. Da es eine Hochschulschrift ist, nehme ich an, dass es eine Abschlussarbeit oder Dissertation ist. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob du damit so gut aufgehoben bist. Besser solltest du Elias einmal im Original lesen, um Missverständnisse zu vermeiden.
Mir ist nicht ganz klar, was Kaven mit dem "doppelseitigen Prozess" meint. Elias hierzu wörtlich: "Sozialisierung und Individualisierung eines Menschen sind daher verschiedene Namen für den gleichen Prozeß." (In: Schäfers, Grundbegriffe der Soziologie, Stichworte: Figuration, Zivilisation, soziale Prozesse).
Deine Frage
„Wie führt die Verflechtung der Menschen untereinander zur Zivilisierung der Interaktion sowie zu zivilisierterem Verhalten?“
lässt sich natürlich gut mit Elias beantworten. Er hat dies im "Prozess der Zivilisation" ausführlich beschrieben, geht aber auch in "Die Gesellschaft der Individuen" darauf ein: Differenzierung der Gesellschaft führt zu länger werdenden Interdependenzketten, die Abhängigkeit untereinander nimmt zu und zwingt die Menschen zu größerer Affektkontrolle (= Zivilisierung). So das Ganze sehr stark verkürzt. Die Differenzierung der Gesellschaft führte auch zu einer stärkeren Individualisierung, Elias nennt das "Vergrößerung der Spielarten". Aber gerade weil die Individualisierung durch Veränderungen der gesellschaften Strukturen vorangetrieben wird, ist sie immer auch eine Form der Sozialisierung, d.h. Anpassung an sozialen Anforderungen. Deswegen verstehe ich nicht so recht, warum du dies voneinander trennen willst. Nach Elias kann sich der Mensch nie "alleine" individualisieren, es ist dabei immer auf Andere angewiesen.Ich hoffe, dich nicht noch mehr aus dem Konzept gebracht zu haben. Ich kann nur nochmal dringend raten Elias im Original zu lesen, der Vorteil ist doch auch, dass Elias sehr verständlich schreibt. Seine Texte sind sehr anschaulich!
Posted 1 year ago # -
Okay danke. Da hab ich dann wohl etwas falsch verstanden oder es ist unmöglich in diesem Buch von Kaven erklärt.
Ich habe jetzt meine Gliederung wiedermals umgeschmissen.Du hast schon einmal geschrieben das Figuration nur ein anderes Wort für Verflechtungszusammenhänge wäre, das habe ich nicht genau verstanden. Was genau versteht Elias denn nun unter den Verflechtungszusammenhängen?
Achja und fals dir noch was zur Sozialisierung durch Interkation einfällt, wäre ich sehr dankbar. ich habe es zwar nun aus meiner Gliederung geschmissen, würde es aber trotzdem gerne noch verstehen.Posted 1 year ago # -
Im folgenden Link findest du "Figuration" und "Verflechtung" nochmals etwas ausführlicher erklärt:
http://www.tour-literatur.de/literaturtheorie/elias_zivilisationstheorie.htm#an4
Im Übrigen, ich wiederhole mich, kann man dies bei Elias selbst alles relativ leicht nachlesen.
Zur "Sozialisierung und Interaktion" fällt mir nichts ein. Du müsstest dir vielleicht mal die Mühe machen, etwas genauer zu erklären, worauf du hinaus willst. Was ist deine Fragestellung? Was verstehst du nicht?
Posted 1 year ago # -
Super, dankeschön.
Also wie kann es sein, dass durch Interaktion Sozialisierung entstehen kann? (Mein Prof hat sich jedenfals mal so festgelegt "sozialisierung entsteht durch interaktion") Geht es da wieder um die Untersuchungen Elias im Mittelalter? Das die Menschen sich durch Interaktion verständigt haben, die Menschen dem Adel gefolgt sind in Sitten und Bräuchen?
Posted 1 year ago # -
Bei Wikipedia findet man folgende Definition von Interaktion:
"Interaktion bezeichnet das wechselseitige Aufeinandereinwirken von Akteuren oder Systemen und ist eng verknüpft mit den übergeordneten Begriffen Kommunikation, Handeln und Arbeit. Manchmal werden diese Begriffe sogar synonym verwendet."
oder auch:
"Laut Fremdwörterbuch (Duden Band 5, 4. Auflage 1982, S. 350f.) handelt es sich um einen in Soziologie und Psychologie geläufigen Terminus, mit dem "aufeinander bezogenes Handeln zweier oder mehrerer Personen" oder die „Wechselbeziehung zwischen Handlungspartnern“ bezeichnet wird (→Soziale Interaktion).
Also es fallen die Begriffe "wechselseitiges Aufeinanderwirken", "aufeinander bezogenes Handeln" und "Wechselbeziehung".
Wenn dein Prof sich mit der "Formel" "Sozialisierung entsteht durch Interaktion" auf Elias bezieht (oder meint er das ganz allgemein?), dann meint er damit wahrscheinlich Elias Grundannahme, dass sich Menschen immer in der Beziehung zu anderen Menschen und Gruppen entwickeln (=sozialisieren). D.h. Sozialisation ist kein Prozess, der sich "im stillen Kämmerlein" vollzieht und er steuert sich auch nicht selbst, sondern ist angewiesen auf Wechselbeziehungen zu anderen Menschen und Gruppen. Elias hebt hiermit die Abhängigkeit der Menschen untereinander hervor, die eben nur in der Beziehung zu Anderen das werden, was sie sind. Er widerspricht damit dem Menschenbild der Aufklärung, in dem der Mensch als frei, unabhängig und auf sich selbst gestellt defininiert wurde.
Allerdings ist nochmal hervorzuheben, dass der Begriff der "Interaktion" bei Elias nicht vorkommt. Interaktion ist innerhalb der Soziologie ein Begriff aus Handlungs- und Kommunikationstheorien. Elias stellte das Aufeinanderangewiesensein, die affektiven Bindungen der Menschen und die sich verändernden Machtbalancen in den Mittelpunkt, nicht Handeln oder Kommunikation. Darüber hinaus war Elias eine klare, d.h. eindeutige und möglichst verständliche Begriffsverwendung sehr wichtig. Der Begriff der Interaktion ist sehr vieldeutig und wird in allen möglichen Kontexten verwandt (siehe Wikipedia), so dass man immer erst mal nachfragen oder definieren muss, welcher Kontext gemeint ist. Der Begriff ist also wenig geeignet, Elias Theorie wiederzugeben.Posted 1 year ago #
Antwort
Du musst angemeldet sein, um einen Beitrag zu schreiben.