@olaweintraub
Ja, okay die machtschwächere Gruppe nimmt die Fremdzuschreibungen der machtstärkeren Gruppe in ihr Selbstbild auf. Dies ist eine der zentralen Aussagen von Elias "Etablierte und Außenseiter". Ich müsste mich aber schon sehr täuschen, wenn auch Elias dies als "Selbst-Stigmatisierung" bezeichnet. Meines Wissens nennt er dies "Gruppenstigmatisierung". Oder kannst du mich mit einer Textstelle eines besseren belehren?
Ich kenne Elias' Theorien recht gut und der Begriff "Selbst-Stigmatisierung" passt so gar nicht in diesen Rahmen, geht es Elias doch vor allem auch darum die Abhängigkeit der Menschen von den Wir-Bildern und -Idealen, wie auch die gegenseitige Abhängigkeit von Gruppen untereinander aufzuzeigen. Der Begriff "Selbst-Stigmatisierung" lenkt von diesen Verflechtungszusammenhängen, wie Elias dies nennt, ab. Menschen können ihr Selbstbild oder das ihrer Gruppe eben nicht "selbst" erschaffen, sondern sind darin fundamental abhängig von anderen Menschen und Gruppen. Deswegen können sie sich m.E. nach auch nicht selbst stigmatisieren.
Wenn deine Frage "inwiefern der Prozess der Aufnahme des Stigmas und dessen Integration ins Selbstbild der Migranten in Deutschland subtil wirkt und die, in den Medien ja seit Jahren besprochenen vermeintlichen und auch ganz realen Integrationsschwierigkeiten hilft immer wieder zu reproduzieren." mit ja beantwortet werden kann, schließt sich ja die Frage an, was dagegen zu unternehmen sei.
Vielleicht missverstehe ich deine Absichten, aber deine Frage "Zäumen wir in dem Versuch einen öffentlichen Weg zur und für die Integration zu finden nicht schon die ganze Zeit das Pferd von hinten auf?" macht auf mich den Eindruck als läge deine Antwort zu der obigen Frage darin, den Migranten zuzurufen "Wehrt euch, hört auf euch selbst zu stigmatisieren dann wird alles gut."
Wie gesagt, vielleicht verstehe ich dich falsch, aber du möchtest ja eine "fruchtlosen Debatte" um neue praktische Lösungswege bereichern. Und da du hierbei bei der "Selbst-Stigmatisierung" der Migranten ansetzt, scheinst du in ihrem "Umdenken" auch die Lösung des Problems zu sehen?
Ich stelle mir die Interviews, die du als "reality check" führen willst recht schwierig vor. Hast du die Fragen hierzu schon ausgearbeitet? Ich denke, dass die Abhängigkeit der Selbstbilder von der Gruppe, der man angehört sowie von Fremdzuschreibungen, den allerwenigsten Menschen bewusst ist, im Gegenteil, die meisten Menschen werden dies vehement leugnen. Wie willst du dem also auf die Spur kommen?
Meines Wissens gibt es jede Menge Bücher in denen Migranten ihre Erlebnisse und Gefühlswelten schildern, vielleicht wäre dies eine zusätzliche Quelle für dich?
Z.B. "Wer ist Wir?" von Navid Kermani, obwohl er kein Migrant ist, aber aus dieser Perspektive schreibt.