"Nun, man muss sich entscheiden, ob man den ganzen Tag wie die Philosophen auf der abgehobenen Konstruktuebene diskutieren will und am Ende kein Ergebnis bei herauskommt, oder ob man die Konstrukte testweise etwas transparenter definiert, so dass eine Entscheidung der Frage des Threadstellers überhaupt erst möglich wird."
Ich sehe nicht, dass diese Zuordnung irgend einen fruchtbaren wissenschaftlichen, noch einen konstruktiven kommunikativen Sinn macht. Wer sich ein klein wenig in der Praxis mit Operationalisierung befasst hat, der weiß, dass es keine "empirische" Basis im naiv-realistischen Sinne gibt. Wer sich gegen epistemologische, wissenschaftstheoretische Grundfrage sperrt und den anderen bodenlose Philosphie vorwirft, der darf sich nicht wundern, wenn man sein Vorgehen wiederum als äußerst naive, unfruchtbare Praxis bezeichnet.
"Begriffe" sprechen nicht von selbst, Maßzahlen wachsen nicht an Bäumen, sondern werden konstruiert und interpretiert, Inferenzschlüsse implizieren hypthetische Annahmen, Datenerhebung ist kein Steinesammeln, etc. .
Die Flucht in den naiven Glauben an eine steinharte, homomorphe operationalisierbare Empirie bringt die Wissenschaft nicht voran, sondern stellt sie vielmehr in Gegensatz zu den gegenwärtigen psychologischen Forschungsergebnissen und der Wissenschaftstheorie der letzte 100 Jahre - und dem Nominalismus seit der Neuzeit.
Ich finde es immer wieder seltsam - und soziologische, psychologisch interessant -, wie manche Menschen, die nichts von PHilosohpie, Wissenschaftstheorie und Grundlangenarbeit der Soziologie verstehen, sich auf ein paar triviale Empirie-Ansätze beziehen und dann glauben, in naivster Haltung die Welt "praktisch" und "bodenständig" erklären zu können.
Der Hinweis auf "blinde Flecken" soll dann der eigenen Naivität vorbeugen, da man immerhin sieht, dass nicht alles Gold ist, was goldig glänzt. Seltsam.
Soziologie ist nicht einfach "trivial" - auch wenn sich das manche Menschen immer wieder wünschen. Wirklich fruchtbare empirische Sozialforschung wird dadurch möglich, dass theoretisch reflektiert und zugleich differenziert, dass methodologisch umfasssend sowie systematisch vorausblickend und methodisch sauber und perspektivisch gearbeitet wird. Sobald man hier glaubt, eine Ebene trivialisieren zu können, leidet die Qualität enorm. In Anschluss an Kant könnte man sagen: empirische Forschung ohne differenzierte Theoriearbeit ist naiv, empirische Forschung ohne methodisch exakte, fundierte Arbeit ist blind, empirische Forschung ohne grundlagen- sowie forschungsprozessreflektierte MEthodologie ist Fast-Food-Produktion.
Wann sind wir in der Soziologie endlich soweit, dass man diese Ebenen nicht mehr gegeneinander ausspielt? ... es wird wohl noch einige JAhrzehnte dauern.