Natürlich wird Kassandra ihre Klausur längst erfolgreich geschreiben haben. Und doch möchte ich gerne auf die beiden Fragen eingehen. Vielleicht muss ja wieder einmal jemand eine Klausur über Latours "Wir sind nie modern gewesen" schreiben, ohne das Büchlein lesen zu wollen.
Bruno Latour mag zwar ein Vielschwätzer sein und sein Pamphlet ist schrecklich zu lesen....
ein Felix schreibt unter http://www.goodreads.com/review/show/43098662 über das Bändchen:
Warum aber dieser fürchterliche Stil, der einerseits den Gestus des ganz großen Wurfes inszeniert und sich andererseits einer unangenehmen "meine Freunde und ich" Rhetorik bedient (ganz schlimm auf S. 9-10)? Entweder ich habe Herrn Latour nicht richtig verstanden (was ja durchaus möglich ist) oder aber er plustert sich auf und tut so als würde er etwas völlig Revolutionäres und Neues denken, wenn er die 'Reinheit' und Autonomie der Begriffe "Natur", "Subjekt", "Gesellschaft" etc. als unmögliches Phantasma anprangert und die Anerkennung einer grundsätzlichen Hybridität fordert
...aber wenigstens die beiden Fragen von Kassandra hat er klar beantwortet - relativ zum restlichen Text.
Was meint Latour damit, dass die Soziologie auch nicht-menschliche Akteure behandeln sollte?
Gegenfrage: kann man allen Ernstes Soziologie betreiben, ohne sich um die Objekte zu kümmern, die die Gesellschaft beschäftigen? Ist der Forschungsgegenstand der Soziologie wirklich ausschliesslich das Subjekt?
Betrachte z.B. das Ozonloch. Das beschäftigt die Gesellschaft auf allen Ebenen und entfaltet eine Dynamik, die soziologisch relevant ist. Aber...
...das Ozonloch ist zu sozial und zu narrativ, um wirklich Natur zu sein, die Strategie von Firmen und Staatschefs zu sehr angewiesen auf chemische Reaktionen, um allein auf Macht und Interessen reduziert zu werden, der Diskurs der Ökosphäre zu real und zu sozial, um ganz in Bedeutungseffekten aufzugehen (S.14)
Das Ozonloch ist so eines dieser nicht-menschlichen Wesen, die in die soziologische Forschung eingewoben werden müssen. Aber bitte nicht in dem Sinne, dass man nur die politischen und machtrelevanten Aspekte betrachtet. Latour behauptet nämlich, dass eine ernstahafte Beschäftigung mit dem soziologischen Phänomen "Ozonloch" ohne fundierte Kenntnisse der Atmosphärenchemie nicht wirklich möglich sei.
Latour bedauert die in der Aufklärung erfolgte Trennung von Natur (Wissenschaft), Gesellschaft (Soziologie, Politik, Macht) und Gott (Moral, Spiritualität, Hoffnung, Glauben). Um die Trennung zu belegen analysiert er einen Disput zwischen Hobbes (1588-1679) und Boyle (1627-1692). Teilweise nimmt er ein Buch von Shapin und Schaffer zu Hilfe, das es ihm angetan hat. Nach Latour hat Boyle als einer der ersten das Experiment als wissenschaftliche Methode eingeführt. Bis anhin hatten die Leute bloss Hirngespinnste entwickelt (so wie es Latour heute noch tut…). Das Experiment stellt aber Fakten dar, die dem Denken als Leitplanken dienen. Heute ist es nicht nur in den Naturwissenschaften Gang und Gäbe. Auch die Psychologen, Soziologen und Anthropologen haben die experimentelle Methode übernommen, sei es in Form von Laborexperimenten oder in Form von Feldforschungen, was für Latour ein Dorn im Auge zu sein scheint. Was Latour nicht begriffen hat, ist der Sinn und Zweck des Experiments, wenn er auf S. 41 schreibt, dass durch Experimente erzeugte Fakten schwer zu reproduzieren seien. Eben gerade die Reproduktion ist die Stärke und der Sinn des Experiments. Es kann jederzeit und überall auf der Welt wiederholt werden und zeitigt stets dieselben Ergebnisse. Andererseits wäre das Experiment nichts wert. Latour ist auch sonst ungenau, z.B. wenn er auf S. 27 von Boyleschen Experimenten mit Marmorzylindern spricht und diese auf S. 37 plötzlich zu Marmorkugeln macht. Das mag zwar für einen Soziologen ein Detail sein, trägt aber nicht gerade zu Latours wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit bei.
Latour geisselt die grosse "Reinigung", die das Denken in Soziologie, Psychologie, Anthropologie, Mathematik und Bankwesen einteilt und das Dazwischen völlig ignoriert. Dadurch werden Monster geschaffen, wie z.B. Boyles Luftpumpe, mit der er nur mal eben die Gesetze der Natur entdecken wollte, die aber auch das Handeln Gottes und die Regelung der Dispute im England der Glorious Revolution definierte (S.59).
Dann übernimmt Latour im Abschnitt „Die konstitutionellen Garantien der Moderne“ auf Seiten 43ff die Aufgabe, eine Verfassung der Moderne zu schreiben. Hier hat er auch wieder Mühe, exakt zu formulieren. Während er in der Tabelle auf S. 45 von Paradoxen spricht, die zu drei Garantien in der Verfassung führen, nennt er diese Paradoxien im Text auf Seiten 44f „Garantien“. Er macht einen Durcheinander mit den Begriffen „Paradoxien“ und „Garantien“. Zudem ist die erste Zeile der Tabelle, nämlich dass die Natur nicht unsere Konstruktion sei, aber dafür die Gesellschaft, kein Paradox. Das erste Paradox steht quasi in der linken Spalte der Tabelle: Die Natur ist nicht unsere Konstruktion und gleichzeitig ist sie unsere künstliche Konstruktion im Labor. DAS ist paradox. Genauso müsste das zweite Paradox lauten: Die Gesellschaft ist unsere freie Konstruktion und gleichzeitig ist sie nicht unsere Konstruktion.
Latour steigert sich dann aber in Metahypothesen, wie z.B. dass die Reinigung ein abgekartetes Spiel irgend welcher Verschwörer gewesen sei, die er "Moderne" nennt. Er verschanzt sich über weite Teile des Pamphlets hinter dem Dogma, dass die Modernen jede "Übersetzung" oder Hybridisierung der Begriffe und des Denkens mit Empörung kritisieren, denunzieren und "mit einem Speichelfaden der Wut am Mund" nichts anderes anstreben, als sie zu Entlarven (S.61). Wer aber kritisiert, denunziert und auf Aggression macht, ist Latour selbst, denn er schreibt ganz offen:
So formuliert, gleicht das moderne Dilemma fest einer Verschwörung, die ich nun aufdecke (S.56)
Nun zu der zweiten Frage: Was meint Latour damit, wir seien nie modern gewesen? Zunächst sagt er, was "modern" ist oder besser, was nicht "modern" ist:
Die Finsternis der früheren Zeiten, wo soziale Bedürfnisse und Natruwirklichkeit, Bedeutung und Mechanismen, Zeichen und Dinge (in den Augen der Modernen, PA) unberechtigterweise vermengt worden waren, machte einer leuchtenden Morgenröte Platz in der endlich klar zu trennen war zwischen der materiellen Kausalität und der menschlichen Phantasie....Niemand ist modern, der nicht die Schönheit dieser Morgenröte empfunden und angesichts ihrer Versprechen gebebt hat.....Wer niemals diese doppelte kritische Macht in sich gespürt hat oder nie besessen war von der Unterscheidung zwischen Rationalität und Obskurantismus, zwischen falscher Ideologie und wahrer Wissenschaft, ist nie modern gewesen(S.50f)
Da sich aber die hybriden Monster zwischen Natur, Gesellschaft und Gott nicht vollständig ignorieren lassen, können wir gar nie modern gesewen sein, meint Latour. Eigentlich erklärt er nur sehr deutlich, was "modern" ist, hat aber Schwierigkeiten, wenn es darum geht zu verstehen, warum wir nie modern waren. Im Abschnitt "Wir sind nie modern gewesen" auf S.64 gibt er zwei mögliche Haltungen an. 1. man glaubt daran, dass man die Welt entweder "reinigen" oder zwischen den sechs Gerichtshöfen - transzendente Natur, immanente Natur, transzendente Gesellschaft, immanente Gesellschaft, transzendenter Gott, immanenter Gott - zwischen diesen sechs Gerichtshöfen vermitteln kann. 2. man fokussiert gleichzeitig auf Vermittlungs- und Reinigungsarbeit und untersucht, was erlaubt und was verboten ist. Im zweiten Fall erkennt man aber schnell, dass man nie modern war. Aber im ersten Fall wäre man in der Tat modern in Latours Sinne. Nur denkt er natürlich nicht daran, diesen Weg überhaupt zu begehn, obwohl er es war, der die moderne Verfassung schrieb.
Nur soviel zu den beiden Fragen.... Happy Klausuren
Peter
P.S. Bei den Seitenzahlen beziehe ich mich auf Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen; Versuch einer symmetrischen Anthropologie. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1861, 1. Auflage, 2008